Predigt für den letzten Sonntag nach Epiphanias

Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde!

Wir leben in unübersichtlichen Zeiten, unsere Welt ist kompliziert geworden, kein Mensch kann alle Lebensbereiche überblicken. Bei den meisten Entscheidungen, die wir treffen, tun wir deswegen gut daran, uns auf die Einschätzung von Experten zu stützen, die etwas von der Sache verstehen. Doch trotzdem müssen wir die Entscheidungen selbst treffen und verantworten.
Das gilt in allen Gebieten unseres Lebens: bei unserer Ernährung und der Erziehung unserer Kinder, beim Nutzen des Internets und dem Kauf von Autos und anderen Konsumgütern, bei der Entscheidung, wie wir wohnen und wen wir bei den Wahlen wählen wollen. Ein besonders wichtiger Bereich ist der der Gesundheitsfürsorge und das nicht nur in Corona-Zeiten.  Es ist kein einfaches Unterfangen, da den Überblick zu behalten, denn auch die Experten sind oft unterschiedlicher Meinung. Und sie sind Menschen, die auch eigene Interessen haben.

Manchmal sind wir dann in der Versuchung, auf Stimmen zu hören, die behaupte alles ganz einfach erklären zu können und dabei das Ganze im Blick zu haben. Da wird die Welt in schwarz und weiß, gut und böse eingeteilt. Da wird uns eine klug ausgedachte Geschichte angeboten, die scheinbar alles erklärt. Dann gibt es keine Unsicherheiten und keine unbequemen Wahrheiten mehr, und statt dessen Schuldige, die für all das verantwortlich gemacht werden, was nicht gut läuft.

Mit ähnlichen Geschichten war auch der Autor des 2. Petrusbriefes im 2. Jahrhundert nach Christus konfrontiert. Und er setzte dem etwas entgegen;

Ich lese aus Kapitel 1 die Verse 16 – 21 in der neuen Genfer Übersetzung:

Denn wir haben uns nicht etwa auf klug ausgedachte Geschichten gestützt, als wir euch ankündigten, dass Jesus Christus, unser Herr, wiederkommen und seine Macht offenbaren wird. Nein, wir haben seine majestätische Größe mit eigenen Augen gesehen. 17 ´Wir waren` nämlich ´dabei,` als er von Gott, dem Vater, geehrt wurde und in himmlischem Glanz erschien; ´wir waren dabei,` als die Stimme der höchsten Majestät zu ihm sprach und Folgendes verkündete: »Dies ist mein geliebter Sohn; an ihm habe ich Freude.« 18 Wir selbst haben die Stimme gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren – diese Stimme, die vom Himmel kam.[1] 19 Darüber hinaus haben wir die Botschaft der Propheten, die durch und durch zuverlässig ist. Ihr tut gut daran, euch an sie zu halten, denn sie ist wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort scheint. ´Haltet euch an diese Botschaft,` bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns es in euren Herzen hell werden lässt. 20 In diesem Zusammenhang ist es von größter Wichtigkeit, dass ihr Folgendes bedenkt: Keine einzige prophetische Aussage der Schrift ist das Ergebnis eigenmächtiger Überlegungen ´des jeweiligen Propheten`. 21 Anders gesagt: Keine Prophetie hat je ihren Ursprung im Willen eines Menschen gehabt. Vielmehr haben Menschen, vom Heiligen Geist geleitet, im Auftrag Gottes geredet.

Der Autor hatte es vermutlich mit der Ansicht zu tun, dass die damaligen Christen nicht mehr auf die Wiederkunft Christi zu warten brauchten und sich auch an keine moralischen Gesetze mehr halten müssten. Sie hielten sich für erlöst und meinten selbst entscheiden zu können, was richtig und was falsch ist, und ohne Rücksicht auf andere tun und lassen zu können, was ihnen gefiel.

Dem setzte der Autor nicht etwa seine eigene Meinung entgegen, sondern ein Erlebnis, das die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit Jesus gehabt hatten: die Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor. (Matthäus 17, 1-8)

Der Autor scheint seiner eigenen Autorität allerdings nicht viel zugetraut zu haben. Nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis spricht viel dafür, dass er seinen Brief unter dem Pneudonym des Apostels Petrus schrieb. Möglicher Weise hat er befürchtet, dass man ihm sein eigenes Zeugnis nicht glaubt, weil er nicht selbst dabei gewesen ist. Mich ärgert das, weil er damit seiner Botschaft einen Bärendienst erwiesen hat. Zumindest aus heutiger Sicht. Aber für mich ändert es nichts an dem Wert seiner Aussagen.

Als die vier auf dem Berg waren, begann Jesu Gesicht plötzlich hell zu leuchten, und er begegnete Moses und Elia und sprach mit ihnen. Petrus wollte dort daraufhin drei Hütten für Jesus, Mose und Elia bauen. Doch plötzlich überschattete sie eine helle Wolke, aus der eine Stimme sprach: „Das ist mein geliebter Sohn, auf den sollt ihr hören.“
Der Autor des 2. Petrusbriefes setzt den Geschichten seiner Gegner also keine andere und vermeintlich bessere Theorie entgegen. Er rechnet mit dem Wirken Gottes und mit seiner göttlichen Welt, die über unsere Erkenntnis hinaus geht und all unsere Erkenntnisse relativiert. Davon spricht ja auch der Kanzelsegen, mit dem häufig die Predigten in unseren Gottesdiensten beendet werden: „Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Der Autor des 2. Petrusbriefes macht uns Mut, auf prophetische Worte zu hören und uns am Vorbild Jesu zu orientieren. Damit sind nicht gleich alle Probleme gelöst, und uns sind auch nicht alle Entscheidungen abgenommen. Die prophetischen Worte, die Gebote und das Vorbild Jesu sind zunächst einmal Lampen, die Licht ins Dunkel bringen. In ihrem Licht können wir Entscheidungen treffen, die für uns und unsere Mitmenschen gut sind. Um zu solchen guten Entscheidungen zu kommen,  können und sollen wir dann die Einschätzung von Experten als Werkzeug nehmen. Wir müssen von diesen Experten aber nicht gleich eine schnelle Lösung und in Folge die perfekte Welt erwarten. Und von uns selbst auch nicht. Denn die vollkommene und erlöste Welt steht noch aus: Im Predigttext wird sie als „Anbruch des Tages“ beschrieben. Und als „Das Licht des Morgensterns, das es in unseren Herzen hell werden lässt.“ Welche ein schönes hoffnungsvolles Bild: Ein Morgenstern, der in unseren Herzen aufgeht! Für mich ist das eine Vision, die uns auch in anstrengenden Zeiten Kraft und Orientierung gibt. Und uns Mut macht, unser Leben mit den Werkzeugen zu gestalten, die Gott uns schon jetzt gibt. Dafür wünsche ich Euch und Ihnen Gottes Segen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Letzte Aktualisierung: 16.04.2021 | Impressum | Datenschutzerklärung