Predigt für den Sonntag Rogate

Predigt: Susanna Kschamer

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht beim Evangelisten Matthäus im 6. Kapitel. Ich lese die Verse 5-15

5 Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
9 Darum sollt ihr so beten:
  Unser Vater im Himmel!
  Dein Name werde geheiligt.
10 Dein Reich komme.
  Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
11 Unser tägliches Brot gib uns heute.
12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.
15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Herr schenke uns ein Herz für Dein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

Unser Predigttext beginnt mit einer Warnung: Jesus warnt davor demonstrativ und für alle sichtbar in Kirchen und Synagogen, an der Straßenecke oder anderen Orten zu beten.
Nun ist das öffentliche Gebet inzwischen nichts mehr, womit man in unserer Gesellschaft Eindruck schinden kann.  So mancher versteckt seinen Glauben lieber, weil er befürchtet, damit nicht gut anzukommen. Aber schon in den USA ist das anders.  Da gibt es z.B. Fernsehaufzeichnungen von demonstrativen Gebeten mit und für Donald Trump auf einer Bühne in einer der dortigen Mega-Churches. Solche Bilder berühren vermutlich nicht nur mich unangenehm. Es wirkt bigott und heuchlerisch. Eine respektlose Art Gott für die eigenen Zwecke zu missbrauchen.
Nebenbei: Die Warnung Jesus gilt übrigens auch für andere Weisen sich Gott zu nähern,  wie das demonstratives Fasten und Spenden - die Abschnitten vor und nach unserem Predigttext handeln davon. Und das finden wir dann auch bei uns.

Doch Jesus warnt nicht aus moralischen Gründen davor so zu beten. Wer so betet, hat seine Belohnung schon gehabt. Ich glaube nicht, dass Gott seine Ohren vor so einem Gebet verschließt. Das ist keine Sanktion in einer göttlichen Belohnungsbuchhaltung. Aber mehr bewirkt das Gebet nicht, wenn man so betet. Das liegt an der Art des Betens selbst und daran, was der Beter oder die Beterin eigentlich will, nämlich Aufmerksamkeit.. Und das hat etwas damit zu tun, dass die Aufmerksamkeit anderer Menschen wie eine starke Droge auf den einzelnen wirkt. Eine der stärksten Drogen, die es gibt. Eine Droge, die abhängig macht. Man braucht immer mehr Zuspruch. Im Internet wirken Likes und Klicks so. Das eigentliche Anliegen geht so verloren. Und beim Gebet ist es die Begegnung mit Gott, für die man so nicht mehr offen ist. Denn so begegnet man noch nicht einmal sich selbst, sondern in erster Linie seinem eigenen Ego.

Als ersten Schritt um das zu verhindern, empfiehlt Jesus den Rückzug in das eigene Kämmerlein. Im Palästina der Zeit Jesu ist diese Kammer der einzige abschließbare Raum in einem Bauernhaus . Ein fensterloser Raum und der einzige Raum, in den man sich zurückziehen konnte, während das Leben sonst weitgehend öffentlich stattfand.

Mit den Erfahrungen von Lock down und Social distancing, von geschlossenen Kirchen und Gemeindehäusern, blicke ich neu auf diese Kammer: Auch wenn wir vieles schmerzlich vermisst haben und noch immer vermissen, auch wenn ich sehr froh bin, dass wir zumindest unter besonderen Auflagen wieder miteinander Gottesdienste feiern können: Jesus versichert uns, dass Gott uns gerade dann nahe ist, wenn wir so zurückgezogen beten – freiwillig oder unfreiwillig! Dabei denke ich besonders an die unter Euch und Ihnen, die aus sehr verständlicher Vorsicht heraus heute nicht in den Gottesdienst gekommen sind, sondern diese Predigt über Internet oder Telefon hören oder im Brief lesen: Gott achtet und hört auf uns alle im Verborgenen und aus dem Verborgenen heraus. Er weiß, was wir brauchen. Auch vor Gott brauchen wir keine Show abzuziehen mit vielen Worten und großem Aufwand. Wir dürfen so kommen, wie wir sind. Jesus gibt uns sogar Worte, die wir auch dann beten können, wenn uns die Worte fehlen Da kann das Vaterunser zu einem Kämmerlein im geistlicher Hinsicht werden. Viele Menschen spüren das auch. So wird z.B. auch bei weltlichen Trauerfeiern mit einem Redner oft darum gebeten, dass dort das Vaterunser gebetet werden soll.
Ich erlebe das Vaterunser als ein Gebet, in dem ich allein vor Gott stehe, ohne Seitenblick auf andere Menschen. Und zugleich verbindet es mich mit anderen. Schon beim zweiten Wort: Vater unser! Es verbindet mich mit Ihnen hier im Gottesdienst und mit Ihnen zuhause. Und mit der ganzen Welt, denn es gibt ja keinen Moment, wo diese Gebet nicht irgendwo auf der Welt gesprochen wird. Eine Verbindung in der Selbstdarstellung und Konkurrenz keine Rolle spielen. Es entsteht ein Raum, in dem unsere Sorgen und Nöte genauso Platz habe , wie unsere Freude und unser Glück. Eine Gemeinschaft, in der das Reich Gottes schon angebrochen ist, trotz all dem Bösen und all der Schuld, die es in unserer Welt gibt. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 


 

Letzte Aktualisierung: 13.07.2020 | Impressum | Datenschutzerklärung