Predigt für den 2. Sonntag nach Trinitatis

Predigt: Susanna Kschamer

Predigt

Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Kinder an die Macht so ist der Titel seines Popsongs von Herbert Grönemeyer aus dem Jahr 1986, aus Zeit von Kaltem Krieg und Friedensbewegung.  Es wird besungen, wie gut sich die Welt entwickeln könnte, wenn die Kinder mit ihren unverbildeten Verstand und ohne berechnendes Kalkül die Macht hätten. Im Refrain heißt es:

Gebt den Kindern das Kommando
Sie berechnen nicht was sie tun
Die Welt gehört in Kinderhände
Dem Trübsinn ein Ende
Wir werden in Grund und Boden gelacht
Kinder an die Macht

Was für eine schöne Vorstellung, all die verkrusteten und belastenden Konflikte einfach in Grund und Boden lachen zu können.
In ähnlicher Weise gegen festgefügte Denkschemata gerichtet heißt es in Astrid Lindgrens Pipi-Langstrumpf-Lied:

ich mach mir die Welt,
widewide wie sie mir gefällt.

Spätestens seit Donald Trumps Art Politik allein nach seinen Wünschen und denen seine Anhänger zu machen hat diese Haltung ihre Unschuld verloren. Experten – oder in der Sprache der Bibel die Weisen und Klugen -  ignoriert er dabei häufig. Hier macht sich einer die Welt, wie sie ihm gefällt, macht unliebsame Tatsachen zum Fakenews und geht nur zu oft von „alternativen Fakten“ aus. Nur werden die weltweiten Probleme so nicht kleiner, und die Welt und selbst die USA werden davon nicht friedlicher, wie man an der hohen Zahl von Coronatoten und den Protesten nach dem Tod von George Floyd sieht.

Die Versuchung die Welt so zu sehen, wie man sie gerne haben möchte,  ist aber auch über Trump hinaus weit verbreitet – vermutlich kann sich niemand von uns ganz davon frei sprechen.

In der Rede von Jesus geht es nicht darum eine kindliche Weltsicht gegen die differenzierte Betrachtungsweise der Weisen auszuspielen. Den Weisen – den Sophoi – wird ihre überdurchschnittliche Weisheit nicht abgesprochen. Aber sie haben kein Privileg auf göttliche Offenbarung. Und umgekehrt bedeutet spricht es nicht gegen das Evangelium, wenn die intellektuelle Elite in einem geringeren Maß davon angesprochen wird. Es ist nicht berechenbar, wen Gottes Offenbarung erreicht – der Geist weht, wo er will. Doch die Quelle dieser Offenbarung und ihrer Kraft liegt in der besonderen Beziehung von Jesus Christus zu seinem Vater.  So tun wir gut daran aufeinander zu hören, miteinander zu sprechen und uns voneinander in Frage stellen zu lassen, damit wir seinen guten Geist und seine tiefe Weisheit, die wir gerade in den Herausforderungen unserer Zeit brauchen, nicht verpassen.

Doch wir brauchen neben der Weisheit auch Energie, um unser Leben zu gestalten. Auch Jesus wusste, dass viele Menschen müde und erschöpft waren. Mit „mühselig und beladen“ sind auch die gemeint, bei denen man heute eine Burnout diagnostiziert oder die kurz davor stehen. All die Menschen, die bei dem Versuch die Herausforderungen des Alltags zu meistern, ihr Leben zu verbessern und endlich einmal „richtig“ zu lesen nur immer schneller im Hamsterrad laufen. Und die,  die schon resigniert aufgegeben haben. Besonders, wenn es uns so geht, lädt er uns ein zu sich: Er will uns Ruhe verschaffen. Davon redet es gleich zwei Mal – das griechische Wort, das Luther mit „erquicken“ übersetzt, hat auch diese Bedeutung. Mit Sanftmut und Demut prägt er diesen Zufluchtsort – hier kommen nicht gleich wieder neue Anforderungen, auch von Umkehr, dem Einsatz für eine bessere Welt und ähnlichem ist hier erstmal nicht die Rede.

An dem Wort „Joch“  bleibe ich allerdings einen Moment hängen: Sonst ist in der Bibel doch immer davon die Rede, dass Menschen das Joch ablegen dürfen und sollen. So schreibt Paulus in Galater 5,1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Wieso gibt es überhaupt ein Joch? Weil wir Menschen uns sonst anderswo einspannen lassen? Oder uns selbst überfordern? So ganz überzeugt mich diese Erklärung nicht. Aber diese Frage kann ich stehen lassen.

Denn entscheidend ist die Einladung Jesu: wir dürfen immer wieder kommen, bei ihm Ruhe finden und Kraft schöpfen und uns von der göttlichen Offenbarung für unser Leben leiten und beflügeln lassen. 

 

Letzte Aktualisierung: 13.07.2020 | Impressum | Datenschutzerklärung