12.09.2021, 10:00 Uhr

Predigt für den 15. Sonntag nach Trinitatis 12 September 2021

Predigt für den 15. Sonntag nach Trinitatis und die Woche vom 12. bis 18. September 2021

Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

Glaube kann Berge versetzen. So sagt es Jesus in der Bibel. Das ist sprichwörtlich geworden und wird auch von Menschen zitiert, die sonst mit Religion und Kirche wenig am Hut haben. Kein Wunder, denn es steckt die Erfahrung dahinter, dass man mit dem nötigen Zutrauen Dinge schaffen kann, die sonst unmöglich wären. Gerne werden Geschichten von Menschen erzählt, die deshalb Erfolge hatten, die vorher niemand für möglich gehalten hätte, oder aus aussichtslos erscheinenden Situationen herausgekommen sind.
Wenn jemand in einer schwierigen Situation steckt, wenn eine Prüfung bevorsteht oder ein sportlicher Wettkampf, wird dann auch schnell einmal gesagt: „Du musst nur an dich glauben!“.  Wenn das mal immer so einfach wäre…

Glaube kann auch ein Gegengewicht zu dem bilden, was in einer Gesellschaft oder Gemeinschaft als alternativlos gilt. Solche Sätze gibt es in jeder Gemeinschaft, auch wenn sie sich im Laufe der Zeit verändern und auch in verschiedenen Kulturen unterschiedlich sind. In unserer Gesellschaft sind das Sätze wie:
Alles muss sich rechnen.
Karriere und Geldverdienen sind das Wichtigste.
Die Gesundheitsvorsorge muss die Lebensgestaltung bestimmen.
Jeder ist seines Glückes Schmied.
Als wahr kann nur gelten, was sich wissenschaftlich beweisen lässt.

Solche Sätze können Menschen unter einen ungeheuren Druck setzen oder ihnen Angst machen. Dann kann Glaube ein Gegengewicht sein, ein Vertrauen, dass es mehr als das gibt, was gerade behauptet oder von mir verlangt wird. Dass eine andere Welt möglich ist.
Aber diese Gegenbewegung kann auch umkippen: Dann macht man sich die Welt, wie sie einem gefällt, schafft sich „alternative Fakten“, vertauscht die Realität mit eigenen Wunschträumen – oder Angstphantasien. Doch solche Realitätsflucht hilft auf Dauer nicht weiter.

Da wünscht man sich vielleicht den selbstverständlichen Glauben aus Kindertagen zurück. Sehnt sich nach früheren Zeiten , als der christliche Glauben noch selbstverständlich war. Sucht nach echtem Glauben und nach mehr Glauben. Diese Suche ist allerdings nicht neu. Auch den Aposteln ging es nicht anders.

Ich lese den Predigttext aus Lukas 17, 5-6 aus der Neuen Genfer Übersetzung:

Die Apostel baten den Herrn: »Gib uns doch mehr Glauben!«
Der Herr antwortete: »Selbst wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkorn, könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum hier sagen: ›Heb dich samt deinen Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer!‹, und er würde euch gehorchen.«

Selbst die Apostel waren überfordert. Und das waren die Menschen, die mit Jesus gelebt haben und alles aus nächster Nähe mitbekommen haben, was Jesus tat. Es waren die, die an vorderster Front dafür sorgten, dass sich das Evangelium über die ganze Welt verbreitete. Sie waren mit den Anforderungen, die das Leben an sie stellte, überfordert und haben gehofft, dass mehr Glauben helfen würde.

Die Antwort von Jesus überrascht und gibt zu denken:

Beim Glauben kommt es anscheinend gar nicht auf die Menge an. Selbst die kleinste damals meßbare Einheit – ein Senfkorn – genügt. Und diesen Glauben spricht Jesus den Aposteln auch gar nicht ab.
Das Senfkorn war der kleinste Same, und Jesus hatte es schon einmal an anderer Stelle als Vergleich für das Reich Gottes genommen. Aus diesem kleinsten Korn wird nämlich ein großer Baum, in dem die Vögel des Himmels nisten können. Nun kommt es auch beim Glauben darauf an ihn seine Wirkung entfalten zu lassen.

Die in unserem Predigttext beschriebene Wirkung die Glaubens ist aber merkwürdig. Ich kann dem einen Sinn abgewinnen, wenn Berge versetzt werden. So kann ein Weg frei werden, der vorher versperrt oder nur mit großer Anstrengung zu überwinden war. Und gerade, wenn man im übertragenen Sinne Berge an Arbeit vor sich hat, ist das Bild sehr verheißungsvoll.

Aber was hat es für einen Sinn einem Baum zu befehlen, sich zu entwurzeln? Einem Baum, der besonders tief verwurzelt ist und bis zu 600 Jahre alt wird. Und ihm dann zu befehlen sich im Meer neu zu verwurzeln, wo er doch gar nicht leben kann? Ein Bild, das übertrieben wirkt, zum Widerspruch reizt und gerade so zum Nachdenken herausfordert. Um einfache Bedürfniserfüllung geht es bei diesem Verständnis von Glauben jedenfalls nicht.

Der Glaube, der hier beschrieben wird, berührt Natur und Schöpfung. Er ist in geheimnisvollem Kontakt mit Gottes Schöpfungshandeln und berührt damit die Sphäre von Gott selbst.
Dieses Bild für den Glauben löst mehr Fragen als Antworten aus. Und ist auch gut und angemessen so. Es ist eine kleine Kraft, die Großes bewirken kann. Eine Kraft, die sich nicht berechnen und benutzen lässt. Und von der wir gerade deshalb vieles erwarten dürfen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Letzte Aktualisierung: 09.12.2021 | Impressum | Datenschutzerklärung